#1

Das Gesicht zur Faust geballt...

in Verliese 30.04.2015 12:22
von Harald von Aschoff | 34 Beiträge | 338 Punkte

Neulich war ich wieder in so einem Service-Einzeltraining: "Kannst Du mal den XY trainieren? Der muss an seiner Freundlichkeit arbeiten. Also Stimme, Haltung, Gestik, und das auch in der Mitarbeiterführung. Ich hab ihm Bescheid gesagt, was passieren soll, danke!" Schluck. Die Kanone auf der Schulter wird wohl schon auf mich ausgerichtet sein, da wird jemand sein Selbstbild verteidigen wollen... das war meine Befürchtung.
Es kam dann doch schlimmer. Als wir im Seminarraum saßen - zu zweit -, fragte er mich, wieso er hier wäre. Es ginge wohl um irgendsoein Deutschtraining? Ich hatte eine Ahnung, was der Auftraggeber meinte - harte Stimme, schnelles, ungeduldiges Sprechen, sehr viel Anspannung. Charmant wie ich bin habe ich dann auch ganz ehrlich etwas gesagt wie: Das wohl nicht, es gehe mehr um Freundlichkeit im Service.
Jaja, ich weiß. Es ist dann auch genau so gekommen: Es gab einen viertelstündigen Monolog, dass das ja wohl nichts bringe, er habe das schon öfter hören müssen, er sei mehrfach darauf angesprochen worden, er arbeite schon seit fünfundzwanzig Jahren so, er habe seine Mannschaft im Griff, die müsse man auch manchmal hart rannehmen, sonst hören sie nicht, und an seiner Stimme könne er nichts ändern. Will er auch gar nicht, genauso wenig an seinen Führungsfähigkeiten und an seinem Auftritt. Er sei schon Mitte vierzig, da könne und wolle er sich einfach nicht ändern. (Hinterher erfuhr ich, dass er diesen Text schon an anderer Stelle angemerkt hatte, als er von anderen Führungskräften darauf angesprochen worden sei - nichts ersetzt ein ausführliches Briefing!)
Der Rest ist Geschichte: Selbstverständlich habe ich noch gelockt, wertgeschätzt, Vorteile ins Feld geschickt... Er fand mich hinterher einen ganz guten Kerl und hat ein paar kleinere Sachen mitgenommen, aber gearbeitet haben wir nicht mehr.
Hinterher habe ich erfahren, dass die Führungskraft scherzhaft gesagt habe: Die asiatischen Kollegen machen ein Deutschtraining bei Harald, und XY geht zu einem Servicetraining, um an Deiner Freundlichkeit zu arbeiten - auch so eine Art Deutschtraining.
Wie dreht Ihr so eine Situation noch um? Wie schafft Ihr es, mit jemandem zu arbeiten, der sich so gegen Veränderung wehrt?



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#2

RE: Das Gesicht zur Faust geballt...

in Verliese 30.04.2015 12:25
von Harald von Aschoff | 34 Beiträge | 338 Punkte

Einen erfolgreichen Ansatz im Nachgang möchte ich noch teilen: Bei der nächsten Anfrage, die fast genauso gestellt war, habe ich nicht einmal Freundlichkeit erwähnt. Als mich der Kollege barsch auf dem Gang fragte: "Dieses Einzeltraining, worum solls denn da bitteschön gehen?", da habe ich geantwortet: "Es geht um Wirkung und wie Du Deine Wirkung steigern kannst". Das fand er sehr cool, und so haben wir dann auch gearbeitet.
Letztlich habe ich mit ihm sogar eine tolle Stunde Meditation gehabt, um ihn runterzukriegen. Hinterher war sein Gesicht keine Faust mehr, sondern eine offene Hand.

Vielleicht habt Ihr noch tolle Einfälle? Die nächste Anfrage kommt garantiert!



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#3

RE: Das Gesicht zur Faust geballt...

in Verliese 30.04.2015 13:32
von Jürgen Schulze-Seeger | 383 Beiträge | 3553 Punkte

Danke für das Teilen dieser tollen Erfahrung. (Naja, in dem Moment war es wahrscheinlich nicht so toll für Dich!). Bei ersterem Fall frage ich mich, weshalb Menschen mit einer solchen Einstellung im Service beschäftigt werden. Letztlich tut sich der arme Kerl jeden Tag selbst weh... und niemand übernimmt die Verantwortung (weil er es nicht tut) um diese unwürdige Situation zu beenden. Zwanzig Jahre in einem Beruf zu arbeiten, für den man nicht gestrickt ist... Mannmannmann...

Der zweite Fall war ein schönes Trojanisches Pferd. Letzlich ein Beispiel dafür, dass Menschen erst dann überhaupt bereit sind zuzuhören, wenn Sie eine Relevanz für sich selbst erkennen. Nicht für Andere. Gut gemacht Harald!

Gleichzeitig denke ich mal wieder, wie dankbar wir dafür sein dürfen, dass überwiegend lern- und veränderungsbereite, interessierte Menschen zu uns kommen. Selbstverständlich ist das nicht. Und desshalb hilft das enorm, das hier zu teilen.

Danke Harald und Ahoi!



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